Wäschemoden und Räuberpistolen

Liebe Internetgemeinde,
hahnportrait_1der Handel ist es, der die Innenstädte mit Leben füllt. Alteingesessene Betriebe haben wir auch in Plettenberg noch eine handvoll.
Geschäfte, die seit mehr als 100 Jahren bestehen und sich stets allen Veränderungen des Marktes gestellt haben, werden seltener!
Zu diesen Traditions-Betrieben zählt ohne Frage „Wäschemoden Hahn“ am Kirchplatz 6.
Seit 5 Jahren hat dort Alexandra Hahn in dritter Generation die Zügel in der Hand. Ihr „kleines Jubiläum“ feiert sie vom 1. bis 11. März mit viele Überraschungen, verschiedenen Aktionen und einem Gewinnspiel.
In unserem Buch „plettenberg erzählt“ haben wir bereits ausführlich über Alexandra und ihren Schritt in die Selbstständigkeit berichtet.
Seitdem lagert jedoch noch eine weitere sehr schöne „Hahn-Geschichte“ in unserer Schublade, die es damals leider nicht mehr ins Buch geschafft hat.
Hans Hahn, Alexandras Vater und Vorgänger im Familienbetrieb, erzählte uns damals von der traditionsreichen Geschichte des urigen Hauses und von einer ganz besonderen Räuberpistole, die sich einst dort am Kirchplatz zugetragen hat. Es ist Zeit, Ihnen diese schöne Geschichte zu präsentieren.

Zum Geschäftsjubiläum wünschen wir Alexandra Hahn alles Gute!

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Die Geschichte vom Kirchplatz 6 und der Räuber auf dem Dach

Erzählt von Hans Hahn

Die Hausstelle unseres Hauses existiert schon seit circa 1.000 Jahren, also die Grundmauern. Das hat der Stadtarchivar Albrecht von Schwartzen damals herausgefunden.
Vor circa 900 Jahren ist das Haus dann einmal abgebrannt, aber die Grundmauern sind erhalten geblieben, so dass wieder neu aufgebaut werden konnte. Im Jahre 1725 wütete der große Stadtbrand in Plettenberg und zerstörte beinahe alles innerhalb der alten Stadtmauern.
Hierbei ist selbst die gegenüberliegende Christuskirche ausgebrannt. Unser Haus hat den Stadtbrand jedoch zum größten Teil überstanden. Es ist zwar zum zweiten Mal völlig ausgebrannt, die Mauern sind jedoch erhalten geblieben.

Fachwerk Haus Hahn

Das Haus am Kirchplatz 6 gehört zu den ältesten in der Plettenberger Innenstadt.

Das ganze Haus besteht noch aus Bruchstein und ist damit viel älter als die Fachwerkhäuser auf der anderen Seite des Kirchplatzes. Es hat sehr dicke Mauern, zum Teil Fenster wie Schießscharten, aber im Gegensatz zu den später errichteten Fachwerkhäusern eine ausreichende Raumhöhe und eine breitere Treppe.
Im Garten haben wir einen eigenen Brunnen. Natürlich nicht so hochgemauert, wie man das so kennt von Bildern, so haben die Brunnen hier in Plettenberg nicht ausgesehen.
Die Brunnen hier waren ebenerdig und mit Steinplatten abgedeckt, damit kein Dreck reinfällt. Eine Bleileitung führte bis in die Küche, das Wasser wurde mit einer Handpumpe dann hinein gepumpt.

Familie_Boedts

Gründeten 1836 den Textilhandel: Familie Boedts.

Im Jahre 1836 wurde in diesem Haus das Geschäft „Manufakturwaren Boedts“, also ein Textilhandel, eröffnet.
Im Jahre 1936 übernahm mein Vater Hans Hahn sen. mit seiner Frau Hedwig das Geschäft am Kirchplatz 6 und gründen dort „Wäschemoden Hahn“.
1940 kauften sie das Haus. Im August 1941 erreichte uns die Nachricht, dass mein Vater an der russischen Front gefallen war.

1945, als die Amerikaner in Plettenberg einmarschiert sind, haben sie uns ganz schön „beharkt“ mit der Artellerie. Es wurde uns quasi das Dach vom Haus geschossen.
Die Kirche hat damals auch große Schäden davongetragen. Doch auch dieses Mal wurde das Haus wieder aufgebaut und der Geschäftsbetrieb lief weiter.
1969 haben dann meine Frau Elke und ich das elterliche Geschäft übernommen.

Unserem Angebot konnte damals niemand wiederstehen.

Einen Tag werde ich nicht vergessen: Wir sitzen in der Schützenhalle, kommt der Hausmeister bei uns an den Tisch, ich soll sofort nach Hause kommen, irgendetwas sei mit dem Haus.
In dem Moment ist man ganz schön beunruhigt. Ich bin also nach Hause, so schnell es ging. Als ich bei Wilmink um die Ecke komme, sehe ich schon die Polizei. Aus Dortmund waren die mit der Hundertschaft angerückt und hatten alles abgeriegelt. Auch ich durfte zunächst nicht durch.

 

diebaufdach_1 Nach dem gescheiterten Einbruch flüchtete der verletzte Dieb auf das Dach des Hauses.

 

Hans_Hahn_Portrait_1

Hans Hahn führte das Wäschemodengeschäft gemeinsam mit Ehefrau Elke bis zur Übergabe an Tochter Alexandra im Jahre 2011.

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ST-Zeitungsausschnitt
Quelle: Süderländer Tageblatt
(Anklicken zum Vergrößern)

Als klar war wer ich bin, durfte ich dann doch weiter. Da stand die Feuerwehr mit der Drehleiter vor dem Haus. Die Scheibe der Eingangstür war kaputt und im Haus stand die Polizei.
Was war geschehen? Ein Ganove war bei uns eingebrochen, erst hatte er sich die Nase an der Scheibe platt gedrückt, dann haben die Nachbarn ein Klirren gehört und die Polizei gerufen. Die sind sofort gekommen und da der Einbrecher wohl nirgendwo mehr raus konnte, ist er aufs Dach getürmt. Wir konnten hinterher sehen wo er überall gewesen ist, denn er hatte sich an den Scherben der Tür verletzt und überall im Haus eine Blutspur hinterlassen. Da er nirgendwo anders rauskam ist er ganz nach oben, Fenster auf und ab aufs Nachbardach.
Da saß er dann ein paar Stunden, Polizeipsychologen standen unten, ein großes Sprungkissen war aufgebaut worden und die ganze Stadt war abgesperrt.

Der Einbrecher ist über die Dächer gelaufen wie ein Seiltänzer.

Der Einbrecher ist über die Dächer gelaufen wie ein Seiltänzer, bis zur Wilhelmstrasse und saß dann schließlich wieder auf unseren Schornstein und hat sich dort eine geraucht. Inzwischen hatten die Einsatzkräfte ihn sogar nass gespritzt damit es ihm ungemütlich wurde. Die Polizei hat dann damit gerechnet, dass er aufgeben wird, wenn es ganz still ist im Haus, also sollte ich zur Polizeiwache gehen und einen Kaffee trinken.
Doch ich wusste was besseres, ich bin zurück in die Schützenhalle und habe weitergefeiert. Und als ich mit meiner Frau dann nach Hause kam, war die Aktion bereits vorbei.

Im Jahre 2011 haben wir hier im Haus das 175jährige Jubiläum des Ladenlokals gefeiert. Wir fanden, das war genau der richtige Zeitpunkt, um die Zügel weiter in die Hände unserer Tochter Alexandra zu übergeben.
Dass sie den Traditionsbetrieb und Plettenbergs ältestes Einzelhandelsgeschäft weiterführt, hat uns sehr gefreut.

Hans Hahn (2013)